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Die Krux mit den VLB-Gebühren

Dieser Beitrag ist erschienen in der selfpublisher, Heft 2, Juni 2020, Seite 24–26. Die Zeitschrift erscheint vierteljährlich im Uschtrin Verlag. Herausgeber ist der Selfpublisher-Verband e.V. Die Zeitschrift ist außerdem im Mitgliedsbeitrag des Selfpublisher Verbands enthalten.

1. Einführung

Das Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) in der MVB GmbH ist
die Datendrehscheibe in der Buchbranche. Hier tragen Verlage, Distributoren und Selfpublisher ihre neuen Titel ein und pflegen deren Metadaten. Buchhandlungen, Barsortimente und andere Marktteilnehmer beziehen von dort Daten und informieren sich über einzelne Titel. „Über 80 Server verarbeiten täglich bis zu 4.000.000 Millionen Zugriffe sowie durchschnittlich 35.000 Änderungen und Neumeldungen“, heißt es auf der VLB-Website. Das alles kostet Geld, das sich die MVB über Gebühren zurückholt.
Aber sind diese Gebühren gerecht verteilt? Was hat es mit der jährlich fälligen Mindestgebühr für Verlage und unabhängige Autorinnen und Autoren auf sich? – Ich bin der Meinung, dass diese Gebühr gerade die Selfpublisher benachteiligt und plädiere dafür, die Mindestgebühr abzuschaffen.

2. Gebühren für ISBNs und den VLB-Eintrag

Im April 2017 hat die ISBN-Agentur in der MVB GmbH die Gebühren für ISBNs gesenkt. Die Gebühren wurden so angepasst, dass Selfpublisher gegenüber Verlagen nicht mehr benachteiligt werden. Damit erfüllte die MVB eine Forderung des Selfpublisher-Verbands. Auch eine Gewerbeanmeldung für den Bezug eines ISBN-Kontingents ist seither nicht mehr erforderlich (siehe: Frank Rösner: Die Krux mit der ISBN, in: der selfpublisher, Heft 3, September 2016, Seite 34–39).
Ein nach wie vor wesentlicher Kostenfaktor für Kleinstverlage und Selfpublisher sind leider noch die Gebühren für den Eintrag in das VLB. Dieser Eintrag ist jedoch alternativlos: Nur über das VLB können Buchhändler*innen alle Buchtitel finden.
Die niedrigste Mindest-Jahresgebühr beträgt 69 Euro zuzüglich Umsatzsteuer in der „Kategorie Gold“. Werden nur bei einem einzigen Titel die Voraussetzungen für die „Kategorie Gold“ bei der Datenpflege nicht erfüllt, erhöht sich die Gebühr auf 99 Euro zuzüglich Umsatzsteuer. Dies liegt in der Verantwortung des Selfpublishers, weshalb ich im Folgenden die niedrigere Mindest-Jahresgebühr von 69 Euro zugrunde lege.
Die Meldegebühr für einen einzelnen Titel beträgt in der „Kategorie Gold“ für ein bis drei Jahre alte Bücher 2,70 Euro jährlich. Es ist nicht besonders schwierig und auch im Interesse des Selfpublishers, die Daten vollständig zu pflegen, um den Goldstatus zu erhalten. Die Gebühr von bis zu 5,10 Euro pro Jahr in der „Kategorie Bronze“ lasse ich deshalb ebenfalls außen vor.
Folglich beinhaltet die Mindestgebühr von 69 Euro bis zu 25 Titel (25 × 2,70 Euro = 67,50 Euro). Erst ab dem 26. Titel ist die Mindestgebühr nicht mehr maßgeblich, weil die Summe der einzelnen Titelgebühren höher ist (26 × 2,70 Euro = 70,20 Euro).
Für ältere Titel ab vier Jahre sinkt die jährliche Titelmeldegebühr auf 2,30 Euro netto. Üblicherweise hat ein Selfpublisher auch Titel im Bestand, die älter als 3 Jahre sind. Weil die Titelgebühr mit zunehmendem Alter sinkt, sind in der Praxis mehr als 25 Titel erforderlich, um die Mindestgebühr zu überschreiten.
Beispiel: Eine Kleinstverlegerin, die 5 Titel bis zu drei Jahren und 24 Titel ab vier Jahren im VLB eingetragen hat, zahlt im Goldstatus jährlich 5 × 2,70 Euro + 24 × 2,30 Euro = gerundet 69 Euro netto. Ein Selfpublisher, der beispielsweise in den letzten 3 Jahren drei Bücher geschrieben und nur diese drei Bücher in das VLB eingetragen hat, zahlt hierfür die Mindestgebühr von 69 Euro, also genauso viel. Und das jährlich! Auch wer nur einmalig ein einziges Buch ins VLB eintragen lässt, muss die Mindestgebühr bezahlen!

3. Die Gebührenstruktur des VLB

Die Jahresgebühr wird nach dem Datenbestand am 31. Dezember ermittelt. Die Höhe der Gebühren richtet sich nach der Anzahl der gemeldeten Titel. Dabei ist jedoch eine Mindestgebühr zu berücksichtigen. Auch das Alter der gemeldeten Titel spielt eine Rolle.

Insbesondere ist die Qualität der Datenpflege maßgebend. Je vollständiger ein Verlag oder ein Selfpublisher die Metadaten seiner Titel online pflegt, desto niedriger sind die Gebühren.
Es wird deshalb zwischen Gold-, Silber- und Bronzestatus unterschieden. Auf den Internetseiten des VLB werden die Datenfelder genannt, die für die Statuseinordnung ausschlaggebend sind. Wenn nur ein einziges statusrelevantes Datenfeld nicht gepflegt wird, erfolgt bereits die Einordnung in die Kategorie „Silber“. Bei zwei nicht gepflegten statusrelevanten Datenfeldern rutscht der Titel sogar in die Kategorie „Bronze“. Mit dieser strengen Vorgehensweise will das VLB seine Kunden dazu anhalten, die Eintragungen möglichst vollständig vorzunehmen.
Schließlich muss die Lieferbarkeit jedes eingetragenen Titels vierteljährlich online bestätigt werden, damit der Titel nicht gleich in den Bronzestatus herabgestuft wird.
Die jährlichen VLB-Gebühren im Überblick (die Euro-Beträge verstehen sich zuzüglich Umsatzsteuer):

Titelmeldegebühr

Goldstatus

Silberstatus

Bronzestatus

für 1 bis 3 Jahre alte Titel

2,70 €

3,85 €

5,10 €

für 4 bis 14 Jahre alte Titel

2,30 €

3,45 €

4,70 €

für ältere Titel

2,00 €

--

4,70 €

Mindestgebühr

 

alle Titel in der Kategorie Gold

69,00 €

ein Titel nicht in der Kategorie Gold

99,00 €

4. Die Mindestgebühr benachteiligt Selfpublisher

Die MVB GmbH als Betreiberin des VLB begründet die Mindestgebühr unter anderem damit, dass unerfahrene Autorinnen und Autoren mehr Arbeit verursachen würden, insbesondere durch regelmäßige Rückfragen hinsichtlich der Datenpflege. So schwierig ist die Datenpflege im VLB-System aber nicht, und spätestens nach der Eintragung des ersten Buchs verfügt auch der Neuling über die nötigen Kenntnisse. Die Rückfragen an das VLB werden danach kaum größer sein als bei einem Verlag.

Es stellt sich deshalb die Frage, ob es gerechtfertigt ist, die volle Mindestgebühr von 69 Euro netto jährlich erneut zu erheben. Der Argumentation des VLB folgend, müsste die Mindestgebühr in den Folgejahren entsprechend niedriger ausfallen oder ganz entfallen.

5. Ein Plädoyer für die Abschaffung der Mindestgebühr

Die MVB GmbH ist eine Tochtergesellschaft der „Börsenverein des Deutschen Buchhandels Beteiligungsgesellschaft mbH“. Es stellt sich deshalb die Frage, ob eine Preispolitik angemessen ist, bei der Selfpublisher, die das kulturelle Leben in Deutschland bereichern, je nach Deckungsbeitrag allein 50 bis 100 Taschenbücher verkaufen müssen, nur um die VLB-Gebühren zu decken – und das Jahr für Jahr. Dies muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass der Buchhandel für Selfpublisher ohnehin sehr schwer zu erobern ist.

69 Euro mögen auf den ersten Blick nach Peanuts klingen und die Frage aufwerfen, ob es sich lohnt, dafür einen seitenfüllenden Artikel zu schreiben. Für einen Selfpublisher aber, der ohnehin nicht auf Rosen gebettet ist, stellt die Notwendigkeit des Verkaufs von 50 bis 100 Taschenbüchern allein zur Deckung der VLB-Kosten jedoch eine erhebliche Belastung dar. Eine Belastung – man könnte auch von einem Ärgernis sprechen.
Selbst wenn das oben angesprochene Argument, Selfpublisher würden im Zusammenhang mit dem VLB-Eintrag mehr Arbeit verursachen, dauerhaft korrekt wäre, und auch das Bundeskartellamt das Preismodell des VLB nicht bemängelt, so läge es dennoch in der kulturellen Verantwortung des Börsenvereins, alle für die Gesellschaft wertvollen Literaturschaffenden gebührenmäßig gleich zu behandeln. Die Mindestgebühr trägt jedoch nicht zur Chancengleichheit bei.

6. Monopole bedürfen einer staatlichen Kontrolle

Die besondere Verantwortung bei der Preisgestaltung begründet sich auch darin, dass es nicht möglich ist, Bücher in ein alternatives, preiswerteres Verzeichnis einzutragen. Nur durch den VLB-Eintrag kann ein Buch vom Buchhändler gefunden werden. Das VLB genießt dadurch faktisch einen Monopolstatus.

In anderen Branchen (Post, Telekommunikation, Elektrizität, Eisenbahnen) überwacht in solchen Fällen die Bundesnetzagentur die Preisgestaltung. Meines Erachtens wäre dies auch für die Preise des VLB sinnvoll und notwendig. Denn eine marktwirtschaftliche Preisgestaltung, das Prinzip von Angebot und Nachfrage, ist bei den VLB-Gebühren nicht gegeben.
Daher fordere ich die Abschaffung der VLB-Mindestgebühr bereits ab dem ersten Jahr der Eintragung. Für die Vielfalt auf dem Buchmarkt und den besonderen Schutz des Kulturguts „Buch“ halte ich diese Maßnahme für dringend geboten.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels rechtfertigt auf seiner Internetseite unter anderem auch die Buchpreisbindung mit dem besonderen Schutz des Kulturguts „Buch“. Bei der Gebührenstruktur des VLB, insbesondere durch die Erhebung einer Mindestgebühr, wird diese Konsequenz allerdings nicht gezogen. Die Selfpublisher wurden bei der Entwicklung des Preismodells „in enger Zusammenarbeit mit der gesamten Buchbranche“ (Zitat Börsenverein und MVB, siehe Punkt 7) jedenfalls nicht gefragt.

7. Gemeinsame Stellungnahme von Börsenverein und MVB

Ich habe dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der MVB die Gelegenheit gegeben, zu meinen Ausführungen Stellung zu nehmen. Die gemeinsame Stellungnahme im Wortlaut:

„Man könnte es sich einfach machen: Das qualitätsbasierte Preismodell des Verzeichnisses Lieferbarer Bücher (VLB) inklusive Mindestgebühr wurde in enger Zusammenarbeit mit der gesamten Buchbranche entwickelt und vom Bundeskartellamt schon mehrfach für rechtmäßig befunden. Rein juristisch ist also alles einwandfrei.
Viel wichtiger ist das richtige Verständnis der Zusammenhänge: Das VLB sichert unabhängigen Autorinnen und Autoren Chancengleichheit. Denn ohne technische Barrieren bietet die Datenbank Verlagen jeder Größenordnung – von Selfpublisherinnen und Selfpublishern bis zum Konzernunternehmen – fortlaufenden Zugang zu den zentralen Vermarktungskanälen des deutschen Buchmarkts.
Metadaten können wahlweise manuell online ans VLB gemeldet werden oder per automatisiertem Datenaustausch über Schnittstellen. Große wie kleine Verlage profitieren gleichermaßen von den Optimierungen der Titeldaten durch Validierung, Normalisierung und Anreicherung auf Basis internationaler Standards. Ein Beispiel ist die Thema-Klassifikation, dank der gerade die Inhalte jenseits des Bestseller-Mainstreams auffindbar werden. Auch Autorinnen und Autoren gewinnen durch Neuerungen wie die Integration des weltweiten ISNI-Standards, mit dem Urheber eindeutig identifizierbar und ihre Werke langfristig – auch über die VG WORT – vermarktbar werden. In Kombination mit der umfassenden Verbreitung dieser Metadaten an Handel und potenzielle Käufer sorgt das VLB so für maximale Sichtbarkeit von Büchern.
Auch wenn es nach außen oft so erscheinen mag: Solche digitalen Angebote sind nicht für kleines Geld zu betreiben, sondern bedürfen der fortlaufenden Investition in ihre Weiterentwicklung und der Information, Schulung und Beratung ihrer Nutzer. Ein unverzichtbarer Finanzierungsbaustein ist eine aufwandsgerechte Mindestgebühr. Diese deckt nicht nur die Initialkosten für neue Verlagsaccounts und die anfängliche Hilfestellung für Einsteiger, sondern leistet einen anteiligen Beitrag zum verlässlichen Betrieb einer essenziellen Infrastruktur für die erfolgreiche Vermarktung von Büchern.
Wer das VLB fortlaufend nutzt, beteiligt sich deshalb fortlaufend mit einem angemessenen Kostenbeitrag daran, dass das System auch in Zukunft die Vielfalt der Buchproduktion für alle Titel gleichberechtigt widerspiegelt.“

Keine Beteiligung von Selfpublishing-Dienstleistern an VG-WORT-Ausschüttungen

Ich habe am 30.1.2020 folgende Petition an den Deutschen Bundestag gerichtet. Die Petition wird vom Selfpublisher-Verband e.V. unterstützt. Petitionen müssen jedoch von natürlichen Personen eingereicht werden.

1. Wortlaut der Petition

Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Selfpublishing-Dienstleister und Druckkostenzuschussverlage an den Ausschüttungen der VG Wort nicht beteiligt werden, insbesondere eine Beteiligung an den Ausschüttungen der VG Wort nicht durch AGB oder durch andere formularmäßige Klauseln vereinbart werden darf.

Der Gesetzentwurf für das "Neue Gesetz zur Anpassung des Urheberrechts an die Erfordernisse des digitalen Binnenmarkts" soll entsprechend abgeändert werden.

2. Begründung der Petition

Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass die Verlage an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden sollen. Verlagsautoren*innen können danach in ihren Verlagsverträgen einen Teil der ihnen als Urheber und Urheberinnen zustehenden Ausschüttungen an ihre Verlage abtreten.

Selbst bei diesen »echten Verlagen«, die für ihre Autoren*innen in Vorleistung treten und die Kosten für Covergestaltung, Lektorat, Buchsatz usw. übernehmen, ist diese Beteiligung strittig.

Bei verlagsunabhängigen Autoren (Selfpublisher) kommt jedoch noch eine weitere Komponente hinzu: Im Gegensatz zu Verlagsautoren arbeiten Selfpublisher nämlich nicht mit Verlagen, sondern mit Dienstleistern zusammen, z.B. mit Print-on-Demand-Anbietern, in seltenen Fällen auch mit Pseudo-Verlagen (Druckkostenzuschussverlage) – und bezahlen diese Dienstleister für ihre Arbeit. Diese Dienstleister und Pseudo-Verlage machen also nichts anderes, als die Bücher im Auftrag der Autoren*innen für den Buchmarkt verfügbar zu machen. Das wirtschaftliche Risiko, sowie alle Kosten rund um das Buch (also Covergestaltung, Lektorat, Korrektorat, Buchsatz, Buchdruck, Marketing usw.) tragen ausschließlich die Autoren*innen als Auftraggeber.

Trotz dieses fundamentalen Unterschieds zwischen »echten Verlagen« und Dienstleistern bzw. Pseudo-Verlagen, die beide de facto keine Verlage sind, ermöglicht der Gesetzesentwurf auch letzteren die Möglichkeit, sich an den Ausschüttungen der VG Wort zu beteiligen, wovon sie schon heute regen Gebrauch machen, z.B. in ihren AGB. Diese Dienstleister sollen somit Ausschüttungen erhalten, ohne aber echte Verlagsleistungen zu erbringen, jedenfalls nicht ohne sich dafür bezahlen zu lassen.

Die bezeichneten Dienstleister verpflichten ihre Auftraggeber*innen, sie als Verleger im Impressum des Buchs zu nennen, um den Anschein der Verlagseigenschaft zu wahren. Das macht aus den Dienstleistern aber keinen echten Verlag, denn viel mehr als die ISBN stellen diese Dienstleister nicht unentgeltlich zur Verfügung.

Aufgrund der Marktstellung bzw. Marktmacht der Dienstleister, kann sich der einzelne Autor dem Ansinnen der Dienstleister auf Beteiligung an den VG-Wort-Ausschüttungen oder deren vollständige Abtretung nicht entziehen.

Wer keine echten Verlagsleistungen unentgeltlich für Autoren*innen erbringt, sollte an den Ausschüttungen der VG Wort jedoch nicht partizipieren.

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